ISSN: 2364-804X

Erdmann Neumeister

Gedenktafel für Erdmann Neumeister an der ehemaligen Schule in Uichteritz bei Weißenfels
Gedenktafel für Erdmann Neumeister an der ehemaligen Schule in Uichteritz bei Weißenfels

Kommentare

kleine Korrekturen und Ergänzungen

ELTERN

 

Nachdem 1663 der alte Uichteritzer Lehrer Christoph Förster gestorben war, wurde im Jahr darauf ein Johann Neumeister aus dem vogtländischen Wurzbach der neue Schulmeister.

Er war verheiratet mit Margareta Francke aus Weida, in deren Familie es mehrere Theologen gab. Johann Neumeister nannte sich gern Ludimoderatorius und Schulmeister und hatte damit wohl das Amt des Küsters bzw. Organisten inne. Im Zedlerschen Gelehrtenlexikon von 1747 wird berichtet, dass Johann Neumeister Verwalter der ausgedehnten Güter der von Pöllnitz auf Goseck wurde und das Amt des Schulmeisters von einem anderen ausüben ließ. Der 100-jährig verstorbene Pfarrer Lamprecht aus Uichteritz schrieb 1988 "... Johann Neumeister, Ludimagister, Custor und Organist zu Uichteritz, ... hat besonders die Kirchenmusik gepflegt (Vokal- u. Instrumental-Musik). Er war in seiner Gemeinde sehr beliebt. Das geht daraus hervor, dass er nicht weniger als 14 mal u. er u. seine Familienmitglieder zusammen 52 mal nur hier in Uichteritz Patenstellen versehen haben. Sein Name stand auch auf unserer sog. Feierabendglocke, die im 1. Weltkrieg abgeliefert werden musste..."

 

Wir lesen in einer gedruckten Widmung über dieses Uichteritzer Elternpaar:

 

„... eure Gast-Freyheit gegen iederman / und euren gottesfürchtigen und friedlichen Ehestand. Wie viel hundert Leuthe haben bey Euch den Tisch und Keller offen gefunden? [...] Auch Hoch-Fürstliche Personen aus dem Glorwürdigsten Hause Weissenfels / [...]  haben mit Dero höchsten Gegenwart mehr / als einmahl/ eure arme Hütte begnadiget / und einen Bissen Brodt auf dem Dorffe bey Euch genossen. [...]  Allemahl habt Ihr / Hertzliebste Eltern / Kinder und Gesinde zur wahren Gottesfurcht an- und von allem Aberglauben [...]abgehalten. Niemahls wüste ich / dass euer Ehestand (O wie was rares!) in Zanck und Wiederwärtigkeit geführet worden wäre. Niemahls / ich schreibe ungeheuchelte Wahrheit / habe ich einen Fluch oder schandbare Worte aus eurem Munde gehöret.“ 

 

Es wäre zu wünschen, dass heutige Kinder so von ihren Eltern reden könnten!

 

 

GEBURT

 

Margareta und Johann Neumeisters hatten 7 Kinder, von denen 4 das Erwachsenenalter erreichten. Das 3. Kind und erste Söhnlein Johann Friedrich wurde am 22. Oktober 1669 geboren und musste bereits am 9. November zu Grabe getragen werden. Als 4. Kind wurde am 12. Mai 1671 Erdmann Neumeister geboren und 2 Tage später getauft. Dieser recht ungewöhnliche Name wird verschieden interpretiert. Einmal als eine Form des hebräischen „Adam“ = der Erdgeborene und zum anderen gab man als Mahnung an die Sterblichkeit des Menschen einem Zweitgeborenen diesen Namen, wenn der Erstgeborene schon zur Erde bestattet worden war.

 

 

SCHULE

 

Ob Erdmann in Uichteritz Unterricht hatte oder eine Weißenfelser Bürgerschule besuchte, konnte noch nicht ermittelt werden. Jedenfalls konnte er 15-jährig ausreichende Lateinkenntnisse unter Beweis stellen, so dass er in die Landesschule Pforte bei Naumburg aufgenommen wurde. Erdmann Neumeister wuchs offenbar recht unbeschwert als Kind in Uichteritz auf, ohne übermäßige Anstrengungen beim Lernen auf sich zu nehmen. Neumeister schrieb 43jährig im Jahre 1714  über sich selbst:

„Was meine eigene Persohn anbetrifft, habe ich zu rühmen, daß ihr wieder meinen Willen und Inclination [Neigung]mich zum Studiren gezogen, will immer auch sprechen: getrieben habt. Ich war meist unter jungen von Adel, ... erwachsen, und ... einer solchen Freyheit gewohnt worden, welche vor dem Studiren einen Eckel [Ekel] bekam. Aber ihr dachtet sorgsamer auf meine Wohlfahrt, als ich unverständiges Kind es zu der Zeit bedencken kunte. ... Was geschahe? Ihr stecket mich in die Pforte. So schreibe ich nicht ohne Ursache. Denn es regte sich in keiner Ader einige Lust in diesem Closter zu bleiben...“

Wie viele andere Pfortenser Schüler vor und nach ihm hat Erdmann Neumeister rückblickend ein leuchtendes Bild seiner Schulzeit beschrieben. Er war überzeugt, dass die unermüdlichen Gebete seiner Eltern in ihm plötzlich eine Wesensänderung zu einem fleißigen Schüler bewirkt haben.

Lassen wir ihn wieder selbst zu Wort kommen:

 

„Mein gantz Gemüthe wurde, nicht nach und nach, sondern auff einmahl geändert. Die Pforte ward mir wie ein Paradieß, und niemahls kan ich an dieselbe, ohne Rührung des Hertzens, gedencken. Welche Liebe haben meine treuen Praeceptores [Lehrer] mich nicht geniessen? Welchen Seegen von ihnen mich nicht mit herausnehmen lassen?..“

 

In den knapp 5 Jahren bis Januar 1691 wurde aus dem lernunwilligen Knaben ein junger Mann, der mit gutem Zeugnis und hoher Bildung eine Gelehrtenlaufbahn an der Universität Leipzig einschlagen konnte.

 

 

STUDUIM

 

Ab dem Frühjahr 1691 studierte er in Leipzig Theologie und Dichtkunst. Am 25. Februar 1694 wurde Neumeister Baccalaurus atrium und zugleich Magister. Mit seiner Habilitationsschrift vom 16. Januar 1695, also kaum ein Jahr nach seiner Magisterarbeit, bewarb er sich um die Lehrbefugnis (venia legendi) für deutsche Dichtkunst an der Universität Leipzig. Hierbei sollte man nicht vergessen, dass Neumeister auch als Dozent für Dichtkunst weiterhin Theologie studierte.

Welch bemerkenswerte Studierleistung er damit parallel erbrachte, ist kaum hoch genug zu bewerten.

Mit dem Werk "De poetis germanicis" hatte Neumeister einen Überblick über die gesamte damalige deutsche Barockliteratur verfasst. Dieses Werk ist ein Katalog von etwa 400 deutschen Dichtern des 17. Jahrhunderts, der nicht nur deren Namen, Herkunft und Werke aufzählt, sondern in vielen Fällen auch kritisch, humorvoll und zugleich sehr scharfzüngig die Inhalte und Formensprache bewertet.

 

LYRIK

Neumeister verfasste erst weltliche und Liebeslyrik, bevor er sich später ganz und ausschließlich geistlicher Dichtung widmete. 2 Beispiele für seine frühen Gedichte zeigen einen sinnen- und lebensfrohen Menschen, der zuweilen überaus bissig und scharfzüngig zu sein vermochte:

 

 

 

Cantata von der rechten liebe. 

 

Nichts ist süsser als das lieben /

Lieben ist ein himmelreich;

Menschen / die das wesen üben /

Sind dadurch den göttern gleich.

Ja zwey recht vertraute herzen

Sind zwey engel auff der welt /

Weil ihr angenehmes scherzen

GOtt und menschen wohlgefällt.

Wiewohl die liebe muß auf rechtem fusse stehn.

Wo keine treu / wo keine keuschheit ist /

Wo man das tugend-ziel vergist /

Da muß die schöne lust zergehen.

Und was ein himmel heist

Muß eine hölle werden.

Jedoch ein reiner geist

Befleckt sich nicht.

Gedancken und geberden

Sind tugendhafft und edel eingericht.

Die küsse sind die seele bey dem lieben /

Wann diese rein geblieben /

So muß die seele leben /

Und tausendfache lust verliebten cörpern geben.

 

Von der schönen Laura

 

Die Laura denckt / sie sey vortrefflich schöne.

Und wenn ich sie nur höhne /

So bildet sie sich doch die warheit ein.

Sag ich zum spaß / die wangen wären rosen /

Die dennoch quitten seyn /

So weiß sie sich abscheulich lieb- zu kosen.

Nenn ich die augen sonnen /

Die um und um mit butter voll geronnen /

So giebt sie mir ein solch entzückt gesichte /

Als wie ein kater niest.

Nenn ich den halß und busen alabastern /

Der gelber marmel ist /

So schicket sie sich gar zu einem kusse /

Da denck ich mit verdrusse:

Du blinde welt / wie lange schenckstu rastern?

 

 

 

 

ERSTE PFARRSTELLE IN BIBRA

 

Im Sommer 1697 wurde Neumeister als Substitut (Vertreter und potentieller Nachfolger) vom Pfarrer Büttner im heutigen Bad Bibra aufgenommen. Im Herbst desselben Jahres, nunmehr 26 Jahre alt heiratete er Johanna Elisabeth, die 19jährige Tochter des herzoglich-weißenfelsischen Küchenmeisters Johann Meister.

Ab 1699 übernahm Neumeister alle pfarramtlichen Geschäfte, hatte jedoch mit argen finanziellen Problemen zu kämpfen. Aus dieser Zeit weisen die Uichteritzer Kirchenrechnungen einen Kredit über 100 Gulden aus, die Johann Neumeister gewiss für seinen Sohn auslieh. Erdmann Neumeister bedankte sich 1721 für die elterliche Versorgung in einer Widmung:

„Und da ich nun die Universitaet Leipzig, (welche GOtt zum Seegen setze ewiglich, und die Reinheit seiner Lehre darinnen nicht verdunckeln lasse!) bezog, habt ihr mich noch länger, als in der Pforte, auff derselben fast über euer Vermögen erhalten. Nicht genug.

Als ich nach Biebra und von dar nach den Hochfürstl. Hof nach Weissenfels, vociret wurde, und mittler Zeit in einen recht vergnügten Ehestand getreten war, hat eine extraordinäre Güte gegen mich mein hertzliebes Weib, und eilff  werthe Kinder (davon bereits fünffe seelig versorget sind) nie, und noch biß itzo, nicht auffgehöret. Und gewiß, ein gleiches werden auch meine drey Schwestern mit den Ihrigen zu rühmen haben."

 

Die Neuerrichtung des Bibraer Pfarhofes ist auch Neumeister zu verdanken. Er schreibt:

»Das Wohnhaus ist von Alterthums dermaßen baufällig, daß ich mich bey starkem Winde alle Augenblicke zu meinem und der meinigen großen Unglück des Einfalls befahren muß, inmaßen sich nicht nur das ganze Dachwerk geschoben, sondern auch alle Balken, Träger und Bretter faul und wurmstichig sind, daß nicht ein Nagel mehr darin haften kann. Nicht ein einziger Boden ist zu gebrauchen, das Getreide verdirbt, nicht einmal sicher kann man darauf treten. Dazu gibt’s Ratten und Mäuse, die, weil alle Mauern hohl sind, nicht vertilgt werden können. Bei Regenwetter bleibt keine Stube und Kammer trocken, daher ihm viel Schaden an Büchern durch Nässe geschieht. Alles ist durchaus böse, eine Ausbesserung ist nicht möglich, ein Neubau erforderlich.«

 

 

GEISTLICHE DICHTUNG

 

Weithin bekannt ist eine geistliche Dichtung Neumeisters, die den Titel trägt: „Poetische Früchte der Lippen in Geistlichen Arien, über alle Sonn-, Fest- und Apostel-Tage [...] in die Hochfürstl. Sächs. SchlossCapelle zu Weissenfels zur Kirchen. Music übergeben“. Neumeister hat sie eigenhändig mit der Jahreszahl 1700 datiert. In diesen „Poetischen Lippen“ legte Neumeister eine Ariensammlung vor, die zur Kirchenmusik in der Schlosskapelle zu Weißenfels gedacht ist. Jede Arie ist einer namentlich genannten fürstlichen oder gräflichen Person des weitverzweigten sächsischen Herrschergeschlechtes gewidmet und zur Aufführung an einem bestimmten Tage des Kirchenjahres vorgesehen.

Neumeister selbst schrieb später in einer Vorrede zu den „Poetischen Oratorien“ über diese Arien:

„Ich hatte in meinen Studenten=Jahren [...] etliche Stücke zu meiner eigenen Übung aufgesetzet / und selbige wohlgedachtem Herrn Krieger  communiciret / welcher sie nicht untüchtig schätzte / der Music zu würdigen. Doch bald erfolgte von der Hochfürstlichen Herrschafft gnädigster Befehl / damit durch einen gantzen Jahrgang zu continuiren.“

(Johann Philipp Krieger (1649-1725) war  Hofkapellmeister in Weißenfels)

 

 

AM HOF IN WEIßENFELS

 

Die Fertigstellung des neuen Pfarrhofes in Bibra hat Neumeister selbst nicht mehr genießen können. 1702 wurde er an den Hof zu Weißenfels gerufen, um dort als Hofdiakon zu predigen. 1705 gibt Neumeister ein Werk heraus, das in gegenwärtigen Fachkreisen als die Geburtsstunde der evangelischen Kirchenkantate bezeichnet wird:

„Geistliche Cantaten, Uber alle Sonn- Fest- und Apostel-Tage ; Zu beförderung Gott geheiligter Hauß- Und Kirchen-Andacht“.

Es handelt sich hierbei um eine anerkannte epochemachende Leistung - nicht umsonst bedienten sich später auch Johann Sebastian Bach und Telemann Neumeisterscher Texte.

 

Neumeister traf am Hofe des Herzogs auf eine Lebens- und Denkart, die seiner öffentlich demonstrierten priesterlichen Rechtschaffenheit fremd war.

Im Zwiespalt des Bestrebens, moralisierend zu wirken und doch der ach so überaus hohen Herrschaft kein direktes Widerwort zu geben, entstand ein satirisches und mitunter in seinen sprachlichen Bildern schwer zu entschlüsselndes Werk:

 

Die „Lob-Gedichte des so genannten Bauer-Hundes/ Oder Fürstl. Leib-Hundes zu Weissenfels : Mit allerhand Sitten-Lehren und angenehmen Galanterien Moralisch vorgestellet / von einem Tugend-Freund und Laster-Feind“ erschienen vorsichtshalber ohne Nennung des Verfassers, werden aber in der Literaturwissenschaft klar Neumeister zugeordnet.

Ein kleiner Auszug daraus soll zeigen, wie Neumeister es wagte, recht deutlich die Doppelmoral jener Zeit auch seinen fürstlichen Herren anzukreiden.

 

„Viel Kinder werden ja ins Kirchen=Buch geschrieben/

Da doch der Küster nicht den rechten Vater weiß.

Der erste Nahme steht zwar meistens in Calendern /

Wiewohl den letzten kennt die Mutter nur allein:

Es müßten ihrer viel das Stamm=Register ändern:

Wenn Blut und Stand genau solt untersuchet seyn.

Ein Bauer kähme wohl ins Adeliche Geschlechte /

Das macht / die Mutter war nicht schlimm beym Juncker dran.

Und wenn manch vornehm Kind an rechten Vater dächte /

So gäben sich vielleicht Laqay und Kutscher an.

[...]

Ja solch Verkehren ist die allerneuste Mode /

Es wird Galanterie von unsrer Welt genennt /“

 

Nachdem sich die Prinzessin Anna Marie, eine jüngere Schwester des weißenfelser Herzogs, im Juni 1705 mit dem Grafen Erdmann von Promnitz verheiratet hatte, kehrte Neumeister dem Weißenfelser Hof den Rücken und siedelte noch gegen Ende des selben Jahres nach Sorau in die Niederlausitz über. Es bleibt offen, wie freiwillig Neumeister diesen Weg ging.

 

 

AM HOF IN SORAU

 

Das heutige Zary in Polen war von 1706 bis 1715 Wirkungsstätte Neumeisters. Hier war er in beständigem theologischen Kampf gegen die schwärmerischen Strömungen des evangelischen Pietismus gefangen.  1708 wettert er in einer Predigt über die in Mode gekommenen Kinderbetstunden, die seinem Verständnis einer orthodoxen lutherischen Amtskirche absolut zuwider waren:

„Man hat zwey Kirchen gebauet, Priesterlichen Habit angezogen, die Cantzeln betreten, den Seegen gesprochen etc., mit einem Wort, alles nicht etwa als ein Kinderspiel, sondern mit heisser Andacht  nachgeäffet, wie es in dem ordentlichen Gottesdienst zu geschehen pfleget. Liesse man diese Funken zur Flamme kommen, so würden die Kinder auch anfangen, nach eigner Auslegung die Schrifft zu erklären, zu tauffen, das Abendmahl zu reichen etc...“

Nach endlosen Kämpfen und ernstem Streit auch mit seinem gräflichen Herrn verließ Neumeister im Zorn 1715 Sorau in Richtung Hamburg, wohin er berufen worden war. Von diesem Abschied spricht eine Legende, dass Neumeister von einem Berge nahe Sorau zurückblickte, das gräfliche Haus verflucht und von dem Schloss prophezeit haben soll, dass einst darin Räuber und Mörder wohnen würden. 50 Jahre später starb die Familie von Promnitz aus. Ein Teil des Schlosses wurde als Gefängnis eingerichtet. Heute ist es eine Ruine.

 

 

HAUPTPASTOR IN HAMBURG

 

Die 2. Hälfte seines Lebens verbrachte Erdmann Neumeister in Hamburg, jener Stadt, die seinerzeit eine der größten des Reiches war und mit der Erlangung der Reichsfreiheit 1510 weltoffener und nicht an territoriale Fürsten gebunden sich zu einer kulturellen und Handelsmetropole entwickeln konnte. Wenn nun die Kirchenältesten einer der großen Hauptkirchen Hamburgs beschlossen hatten, Erdmann Neumeister als ausgewiesenen Verfechter der unveränderten Lutherischen Lehre zum neuen Hauptpastor zu berufen, so wird das im vollen Bewusstsein der Neumeisterschen Haltung geschehen sein.

In seiner Hamburger Zeit brachte Neumeister seine 3 Söhne auf einen akademischen Weg und in das Predigtamt. Seine  4 Töchter verheiratete er an einen Kaufmann, einen Doktor der Medizin, einen Professor der Theologie und  an einen lutherischen Superindendenten.

 

 

 

 

KIRCHENLIED-DICHTER

 

Das ältere Provinzial-Gesangbuch enthielt 7 Lieder von Erdmann Neumeister (Nr.40, 185, 241, 303, 337, 375 und 407). Die bekanntesten sind:

 

 

„Jesu, großer Wunderstern“

„Jesu nimm die Sünder an“

„Mein lieber Gott, gedenke meiner“

„Höchster Gott, durch deinen Segen “

„So ist die Woche nun geschlossen“.

 

Neumeister war unbestritten ein Mann des Wortes. Er schätze jedoch die Musik als ein Werkzeug, um seine Textbotschaften noch eindringlicher zu vermitteln. Erdmann Neumeister pflegte Zeit seines Lebens Kontakte zu Musikern, die Teile seiner Dichtungen vertonten.

 

 

J.S.BACH

 

Im September 1720 wurde die Stelle des Ersten Organisten zu St. Jacobi in Hamburg frei. Auch Johann Sebastian Bach hatte sich um diesen Posten beworben. Zum Wohle der Kirchenkasse erwarteten die Gemeinden seinerzeit von Bewerbern um führende Posten eine finanzielle Zuwendung, die den Wahlvorgang positiv beeinflussen sollte. Heute würde man eine solche Zahlung glattweg Schmiergeld nennen wollen.

Bach hatte durchaus die besten Aussichten, Organist an St. Jacobi zu werden, zog aber seine Bewerbung zurück, da er nicht in der Lage war, die erwarteten 4000 Mark zu zahlen. So erhielt ein anderer den Zuschlag, von dem Neumeister sagte, dass dieser "besser mit den Thalern denn mit den Fingern prädulieren konnte." Und in der Weihnachtspredigt zürnte Neumeister, er „glaube ganz gewiß, wenn auch einer von den bethlehemitischen Engeln vom Himmel käme, der göttlich spielte und wollte Organist zu St. Jacobi werden, hätte aber kein Geld, so möchte er nur wieder davon fliegen.“

Neumeister war Bach sehr freundschaftlich verbunden und lieferte ihm etliche Textgrundlagen zu seinen Kantaten. Insgesamt fünf seiner Libretti wurden durch Johann Sebastian Bach zwischen 1711 und 1714 vertont:

 

BWV 18 – Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt

BWV 24 – Ein ungefärbt Gemüte

BWV 28 – Gottlob! nun geht das Jahr zu Ende

BWV 59 – Wer mich liebet, der wird mein Wort halten

BWV 61 – Nun komm, der Heiden Heiland

 

 

Georg PhilippTELEMANN

 

Neumeister und Telemann müssen ein freundschaftliches Verhältnis gehabt haben. Sie trafen erstmals in Sorau zusammen und hatten später in Hamburg engen Kontakt.

Belegt ist, dass Neumeister 1711 Pate bei der Taufe der ersten Telemannschen Tochter stand. 

Ergänzend sei noch erwähnt, dass Telemann auch Patenonkel und Amtsvorgänger von J. S. Bachs zweitem Sohn Carl Philipp Emanuel war. Hier schließt sich ein weiterer interessanter Kreis um das Dreigestirn Bach-Telemann-Neumeister.

Folgende 3 Kompositionen Telemanns sind für Neumeister und seine Söhne in Hamburg nachgewiesen:

Kantate zur Priesterweihe von Erdmann Gottlieb Neumeister Opus: TWV 3:43 (23. Oktober 1739)

Kantate zur Priesterweihe von Erdmann Gottwert Neumeister Opus: TWV 3:44 (Oktober 1742)

Kantate zur Feier des 50. Priesterjubiläums von Erdmann Neumeister, Opus: TWV 3:52 (1747)

 

 

ENDE

 

Beinahe wäre Erdmann Neumeister in das höchste Amt der Hamburger evangelischen Landeskirche aufgestiegen. Es bot sich die Gelegenheit, quasi Bischof zu werden. Als man im Jahre 1738 nach des Seniors Johann Friedrich Winklers Tode dem 67jährigen Neumeister das Seniorat antrug, bat er jedoch den Rat, ihn mit dieser Last zu verschonen, damit er den Rest seiner Tage in Ruhe verleben könne.

Am 30. Juni 1747 feierte Erdmann Neumeister unter Teilnahme ganz Hamburgs und weiter Kreise des evangelischen Deutschlands sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum. Er selbst hielt sich die Jubelpredigt, welche, wen würde es wundern, aus genau 50 Versen bestand. Das gesamte Ministerium, das zu dieser Feier eine Gedenkmedaille mit Neumeister Bildnis hatte prägen lassen, beteiligte sich an dem Gottesdienst.

Gegen Ende des Jahres 1755 stellte sich dann bei dem Vierundachtzigjährigen eine fast völlige Erblindung ein, so dass er die Kanzel nicht mehr besteigen konnte.

Am Morgen des 18. August 1756, wenige Wochen nach einer misslungenen Augenoperation, starb er.

Neumeisters Grabstelle ist nicht erhalten. Sie wurde wie alle anderen Begräbnisstätten der Kirche im Jahre 1944 bei einem Bombenangriff auf die Stadt zerstört. Es gibt einen Gedenkstein in der Jacobikirche.

Ein überlebensgroßes Ölbild hinter der Kanzel blieb erhalten und das Hamburger Museum verwahrt eine Wachsbüste, so dass man auch heute noch Neumeister gegenübertreten kann.

Sein Wahlspruch war der Psalm 82.12: Sol et scutum Dominus – Gott der Herr ist Sonn und Schild.

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vgl. Uwe Riedel,: Erdmann Neumeister 1671-1756: Biografisches Mosaik, ISBN: 3000301666

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